Dienstag, 30. Mai 2017
Immenseer auf den Spuren der Ur-Selfies 

Mit einer Votivtafel bedankte sich in vergangenen Jahrhunderten, wer auf wundersame Weise aus einer Notlage gerettet wurde. Norbert Kiechler erklärt deren Reiz und weshalb er Votivtafeln für Vorläufer der heutigen Selfies hält.

Auch wenn sich der Zusammenhang nicht auf den ersten Blick erschliesst, bezeichnen Sie Votivtafeln als Ur-Selfies. Weshalb?
Norbert Kiechler: Weil beide Bildschöpfungen verblüffende Gemeinsamkeiten haben: Menschen zeigen ihre Befindlichkeit, schaffen ein Bild, bringen es in die Öffentlichkeit und hoffen auf Reaktionen der Betrachter.

Ein heutiger, uninformierter Betrachter könnte auch sagen: «Votivtafeln sind purer Kitsch.»
Im Gegenteil. Kitsch ist immer etwas Verlogenes. Etwas, das zu süss, zu übertrieben, zu frömmlerisch daherkommt. Wenn etwas authentisch und ehrlich ist, dann sind es diese Tafeln. Darauf zeigt ein Mensch offen und ungeschönt, dass es ihm nicht gut ging, dass er Hilfe brauchte und diese auch erhielt.

Vor vier Jahren entdeckten Sie in einer Bergkapelle eine 300 Jahre alte Holztafel (siehe Foto), die einen Überfall zeigt – und sie förmlich elektrisierte. Weshalb?
Weil darauf eine höchstdramatische Geschichte erzählt wird, in der es um Leben und Tod geht. Sie zeigt, in welcher Situation die Menschen im 18. Jahrhundert lebten. Unterwegs zu sein, von einem Ort zum anderen, war damals ja fast lebensgefährlich.

Weshalb?
Weil man – wie die Tafel zeigt – befürchten musste, etwa von marodierenden Söldnern überfallen zu werden. Das Söldnerwesen war zu jener Zeit sehr gängig. Militärunternehmer warben um Söldner, die für das Köngishaus in Frankreich Kriegsdienst leisteten. Viele kehrten verludert, verlottert und verwahrlost zurück. Teilweise wurde ihnen der Sold auch nicht ausgezahlt. Die Tafel, so vermute ich, zeigt hier den Frust, die Wut und die Verwahrlosigkeit der Söldner, die oft mit Raubüberfällen ihren Sold aufbesserten.

Ist es das, was Sie an den Votivtafeln reizt: Der ungeschönte Einblick in den gefahrenvollen Alltag unserer Vorfahren?
Absolut. Auch die damalige Glaubenshaltung, die darin zum Ausdruck kommt, fasziniert mich. Unsere Vorfahren eigneten sich eine Überlebensstrategie an, in der sie sich in höchstbrisanten und lebensbedrohlichen Situationen einem helfenden Gott anvertrauten. Und: Geholfen wurde ihnen tatsächlich – sonst gäbe es keine Votivtafel, die davon zeugt.

So vielsagend sie sind: Votivtafeln fristen ein Mauerblümchen-Dasein in dunklen Ecken von Kirchen und Kapellen. War es schwer, sie aufzuspüren?
Fürs Schwyzer Heft wählte ich in den Schwyzer Regionen zwölf Kapellen aus, die zugänglich sind und Votivtafeln beherbergen. Viele Votivtafeln kamen allerdings abhanden. Die meisten wurden weggeworfen, weil man die eigenartige Bildschöpfung und das damalige Votivwesen kaum mehr verstand und dachte, es wäre Kitsch. Andere hielten sie für ein schönes Erinnerungsstück an die Kapelle XY und nahmen sie mit nach Hause. Und dann gab es noch jene, denen die naiven und einfach gehaltenen Bilder gefielen und sie zuhause in der Stube aufhängten.   

Findet sich deshalb im Bezirk Küssnacht keine Votivtafel?
Die Kapellen im Bezirk habe ich nicht untersucht. Ich vermute aber, dass früher schon einige Tafeln in der Kapelle in Haltikon oder auf der Seebodenalp gehangen sind.

Sie erklären im neuen Schwyzer Heft (siehe Box), wer welche Tafeln gestiftet und gezeichnet hat und wie sich der Bildaufbau und deren Bedeutung im Laufe der Jahre veränderte. Dahinter steckt jahrelange Recherche. Hand aufs Herz: Würden Sie es wieder tun?
Sofort. Ich könnte mir vorstellen, für benachbarte Kantone eine ähnliche Publikation zu verfassen. Noch mehr interessieren würde mich ein Ausstellungsprojekt, das die damaligen Votivbilder mit den heutigen Selfies vergleicht. Dabei kämen Betrachter möglicherweise zum selben Schluss wie ich, nämlich: Dass Votivtafeln die eigentlichen Ur-Selfies sind. Wäre das nicht eine spannende kunsthistorische Einsicht?

Interview: Simone Ulrich